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Aktuelles

Martin Horn, Vorstandsmitglied der SPD Harburg-West

Martin Horn klärt über die Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen auf.

19.11.2025 | Psychiater Martin Horn klärt über Persönlichkeitsstrukturen und -störungen auf

Sigmund Freud lässt grüßen

Im Rahmen der regelmäßigen Mitgliederversammlungen der SPD Harburg-West fand am 17.11.2025 im HTB Bistro & Event ein ebenso informativer wie lebendig gestalteter Abend zum Thema „Persönlichkeitsstruktur und Persönlichkeitsstörung – Sigmund Freud lässt grüßen“ statt. Referent war der Psychiater Martin Horn, der seit vielen Jahren in Klinik und Praxis mit Persönlichkeitsdiagnostik und Therapie arbeitet.

Die Sitzung wurde von Vorstandsmitglied P. James Coobs eröffnet: Er begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, führte kurz in das Thema ein und übergab anschließend an den Referenten. Martin nahm die Teilnehmenden mit auf eine Reise durch die frühe psychologische Theorie Sigmund Freuds. Auch wenn die Psychoanalyse heute in Teilen weiterentwickelt oder ergänzt wurde, bildet Freuds Modell der psychosexuellen Entwicklungsphasen weiterhin eine relevante Grundlage, wenn es darum geht, Persönlichkeitsstrukturen und typische Problemfelder aus psychodynamischer Sicht zu verstehen. Martin erklärte ausführlich die fünf Phasen, die Freud als prägend für die Entwicklung der Persönlichkeit betrachtete:

Die Orale Phase (0–1,5 Jahre):In dieser frühen Zeit steht das Bedürfnis nach Nahrung, Nähe, Geborgenheit und mütterlicher Versorgung im Mittelpunkt. Mögliche Folgen von Störungen:
Menschen mit einer sogenannten „oralen Fixierung“ neigen in der psychoanalytischen Theorie häufiger zu Abhängigkeit, Unsicherheit, Passivität oder auch zu übermäßigem Bedürfnis nach Bestätigung. In der moderneren Psychodynamik wird dies oft mit selbstwertbezogenen Störungen oder ängstlich-abhängigen Persönlichkeitszügen in Verbindung gebracht.

Anale Phase (1,5–3 Jahre): Diese Phase dreht sich um Autonomie, Kontrolle und das Erlernen von Selbstständigkeit (Sauberkeitserziehung, Regeln, Grenzen). Mögliche Folgen von Störungen: Freud beschrieb zwei typische Ausprägungen:

  • „anale Sparsamkeit und Ordnung“ → übertriebenes Kontrollbedürfnis, Perfektionismus
  • oder das Gegenteil: Unordnung, Trotz, impulsives Verhalten

In der modernen Diagnostik findet sich hier eine Nähe zu zwanghaften bzw. oppositionellen Persönlichkeitsmustern.

Phallische/Ödipale Phase (3–6 Jahre):In dieser Phase werden Geschlechtsidentität, Rollenbilder und erste moralische Strukturen ausgebildet. Mögliche Folgen von Störungen: Freud sprach hier von Konflikten zwischen Identifikation und Abgrenzung. Wird diese Phase nicht gut integriert, können später Unsicherheiten im Selbstwert, Konkurrenzdenken oder Probleme im Umgang mit Autoritäten auftreten. Martin verwies darauf, dass hier im heutigen Verständnis häufig die Wurzel für narzisstische Vulnerabilitäten gesehen wird.

Latenzphase (6–12 Jahre): Eine Phase sozialer, schulischer und emotionaler Stabilisierung. Das Kind lernt, Dinge zu leisten, sich in Gruppen zurechtzufinden und emotionale Impulse zu regulieren. Mögliche Folgen von Störungen: Schwierigkeiten in dieser Phase können später mit sozialen Unsicherheiten, Schamgefühlen oder Problemen in der emotionalen Regulation einhergehen.

Genitale Phase (ab Pubertät): Ziel dieser Phase ist die Integration von Sexualität, Beziehungen, Bindungsfähigkeit und selbstständiger Lebensgestaltung. Mögliche Folgen von Störungen:
Schwierigkeiten beim Aufbau reifer, gleichberechtigter Beziehungen oder anhaltende Bindungsunsicherheit.

Martin stellte anschaulich dar, warum Freud trotz seines Alters immer noch zitiert wird: Seine Grundannahme, dass frühe Beziehungserfahrungen das Gerüst für spätere Persönlichkeit bilden, wird heute durch viele Studien aus Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung und Neurobiologie gestützt. Er erklärte, dass Persönlichkeitsstörungen keine „Charakterschwächen“, sondern stabile Muster des Denkens, Fühlens und Handelns sind, die sich aus frühen Lernerfahrungen, individuellen Temperamentsfaktoren und sozialen Einflüssen ergeben. Moderne Persönlichkeitsdiagnostik (z. B. nach ICD-11 oder DSM-5) betrachtet Störungen nicht mehr als starre Kategorien, sondern als Ausprägungen von emotionaler Instabilität, Impulsivität, Beziehungsdysfunktion, Selbstwertstörungen und Rigidität/Perfektionismus. Martin schlug immer wieder Brücken zwischen Freuds Modell und heutigen wissenschaftlichen Ansätzen. Er zeigte, wie Konflikte aus frühen Entwicklungsphasen im Erwachsenenalter zu typischen Mustern führen können – etwa zu vermeidendem Verhalten, übermäßiger Abhängigkeit, starr kontrolliertem Perfektionismus oder impulsiv-instabilen Emotionen.

Der Vortrag endete in einer lebhaften Fragerunde. Viele Gäste interessierten sich besonders für den Zusammenhang zwischen frühkindlichen Bindungserfahrungen, der heutigen Erziehungsrealität und den steigenden Diagnosen von Persönlichkeitsstörungen. Martin betonte abschließend, dass Persönlichkeitsentwicklung immer formbar bleibt: Therapie, stabile Beziehungserfahrungen, soziale Teilhabe und Selbstreflexion können auch im Erwachsenenalter tiefgreifende Veränderungen ermöglichen.

James dankte Martin herzlich im Namen der SPD Harburg-West für seinen fundierten und zugleich gut verständlichen Beitrag. Der Abend war nicht nur fachlich bereichernd, sondern zeigte einmal mehr, wie wertvoll der Austausch zwischen Politik, Wissenschaft und Stadtteilgemeinschaft sein kann.